Warum überhaupt „Wut“ im Blogtitel?

Ich bin ein Mensch, der anderen meist gelassen begegnet. Aber innerlich? Da brodelt es manchmal.
Nicht wegen riesiger Konflikte, sondern wegen Kleinigkeiten: lautes Telefonieren im Zug, vergessene Informationen, die ich wieder und wieder erklären muss – oder diese verdammte Kleiderschranktür, die nie zufällt. Kurzum: Es sind oft Alltagssituationen, die in mir plötzlich Wut auslösen.

Zum Glück kann ich sie meistens schnell erkennen – und kontrollieren, bevor sie nach außen dringt.

Welche Rolle spielt Wut im Job?

Schon in meiner früheren Rolle als Referentin spürte ich: Diese kleinen Alltagsärgernisse begleiten mich auch bei der Arbeit.
🔹 Unsauber ausgefüllte Vorlagen
🔹 Endlose Ausführungen in Meetings
🔹 Wiederholte Missverständnisse

Ich versuchte vieles zu ignorieren und die Wut runterzuschlucken. Doch manchmal – besonders im vertrauten Kollegenkreis – platzte mir der Kragen. Selbst gegenüber meinem Vorgesetzten ließ ich meiner Frustration in einzelnen Situationen freien Lauf. Nicht lautstark oder hitzig aber ich machte meinem Unmut durchaus Luft.

In der Rolle war das nie ein Thema. Weder für mich, da die Situationen, mich meist nicht direkt beeinflussten, noch für meine Kolleginnen und Kollegen, da diese meine Wut ja meist nicht mitbekamen, da sie sich im Innern abspielten. Doch als ich Führungskraft wurde, merkte ich:
Diese Wut wird zur echten Herausforderung. Vor allem für mich und meine mentale Gesundheit.

Was sich mit der Führungsrolle veränderte

Bevor ich meine neue Stelle antrat, besuchte ich ein Seminar mit dem Titel „Vom Kollegen zur Führungskraft“. Dort gab es eine Übung, die mir bis heute im Kopf geblieben ist:
Was darf man als Mitarbeiter tun – und was sollte man als Führungskraft vermeiden?

Neben naheliegenden Dingen (die auch als Mitarbeiter schon nicht so toll sind, die einem aber verziehen werden) wie „lästern“ oder „Lieblingskollegen haben“ stand auf meinem Flipchart:
🛑 Wütend werden.

Ich hatte tief verinnerlicht: Eine gute Führungskraft bleibt ruhig. Abgeklärt. Kontrolliert. Ich hatte immer einen Mann Mitte Fünfzig im Anzug vor Augen, der von einem Wutanfall in den nächsten schlitterte und dabei eher cholerisch als gestanden rüber kam. Neben der Tatsache, dass ich ein solches Verhalten als zutiefst unprofessionell wahrnahm, wollte ich so natürlich nicht werden. Also stand Wut auf meiner Liste an Eigenschaften, die ich als Führungskraft unbedingt vermeiden wollte.
Doch Gefühle lassen sich nicht einfach abstellen.

Als ich dann in meiner neuen Rolle startetet, kam es an manchen Tagen vor, dass meine Apple Watch mich warnte: Herzfrequenz erhöht. Bitte atmen.
Ich war überfordert – nicht mit den Aufgaben, sondern mit der emotionalen Verantwortung.

Woher kam die Wut?

Ich fühlte mich plötzlich für alles verantwortlich: Für Ergebnisse, Kommunikation, Stimmung im Team. Wenn Dinge nicht liefen, wie ich es für nötig hielt – zum Beispiel fehlerhafte Dokumente oder ignorierte Hinweise – fühlte ich mich übergangen. Und diese Verletzung meines Anspruchs machte mich wütend.

Diese Erfahrung war eine der ersten, die mich zu diesem Blog motivierte.
➡️ Bin ich die Einzige, der es so geht?
➡️ Verändert Führung auch eure Gefühlswelt?
Wenn ja: Willkommen im Club.

Zwei Denkanstöße, die mir geholfen haben

1. Von „Ich bin wütend“ zu „Ich verspüre Wut“
Aus dem Buch „Wie man in verrückten Zeiten nicht den Verstand verliert“ von Philippa Perry:

„Wenn wir unsere Gefühle leben, statt sie zu beobachten, steuern wir auf Chaos zu.
Wenn wir sie unterdrücken, landen wir in der Starre.“

Es geht nicht darum, Gefühle zu unterdrücken – sondern sie bewusst einzuordnen.
Ich bin nicht die Wut. Ich empfinde sie – und kann entscheiden, wie ich damit umgehe.

2. Die Frage: Ist das wirklich ein Problem?
Ein Impuls aus dem Seminar:

„Ist das, was dich triggert, tatsächlich ein Problem? Oder nur ein Reiz?“

Diese Reflektion hilft mir bis heute: Wenn ich mich ärgere, prüfe ich – neutral – ob eine Lösung nötig ist oder ob nur mein innerer Anspruch getroffen wurde.

💡Mein Learning Nugget für dich: 5 Schritte im Umgang mit Wut

Diese kleine Checkliste hilft mir, wenn’s in mir anfängt zu kochen:

  1. Erkennen: „Okay – du scheinst wütend zu werden.“
  2. Auslöser identifizieren: Was genau macht dich gerade wütend?
  3. Einordnen: Ist das eine echte Herausforderung – oder eher ein Trigger?
  4. Reflektieren: Muss ich jetzt reagieren, da es eine Lösung braucht?
  5. Beruhigen: Ich atme bewusst, erinnere mich: Es ist oft keine große Sache.

Warum ich darüber schreibe

Ich bin noch auf dem Weg – keine Frage. Ich schreibe diesen Beitrag nicht, weil ich die perfekte Strategie gefunden habe. Sondern weil ich glaube:
Es ist wichtig, offen über das zu sprechen, was uns emotional fordert – gerade als Führungskraft.

Wir starten oft mit dem Lob für gute fachliche Arbeit. Doch in Führung zählt etwas anderes: emotionale Klarheit, Reflektionsfähigkeit, Haltung. Und genau das müssen wir erst lernen.

Meine Wut hat mich gelehrt, genauer hinzuschauen.
Dazu bald mehr im nächsten Beitrag – über Ambition und warum sie manchmal mehr bremst als beflügelt.

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